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Die Perspektiven - Malerei, Grafik und Fotografie von Tuomar (Karsten Richter) in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda 2012

Karsten Richter Vielfältig sein, sich nicht festlegen und dennoch solides bildnerisches Handwerk zeigen - das sind Ansprüche, die Karsten Richter alias Tuomar sich in seinem bildnerischen Wirken erarbeiten und dem Betrachter präsentieren will. Der junge Künstler hat damit ein nicht übliches Ziel in einer Zeit, in der mehr das Schnelle und Flüchtige, das Oberflächliche die Betrachter oder besser die Konsumenten oft blendet.

Tuomar ist vom finnischen „tuomari“ für „der Richter“ abgeleitet und somit ein selbstgewähltes Pseudonym von Karsten Richter für seinen Familiennamen, der in unserer Heimat häufiger und selbst in Kombination mit dessen Vornamen noch sehr oft anzutreffen ist. Die Einmaligkeit des Namens ist für Tuomar auch Anreiz, sich individuell zu äußern, nicht nur beliebige bildnerische Arbeiten zu verfassen, sondern seine Persönlichkeit mit klarer Position und Meinung grafisch oder malerisch auszudrücken. Aber auch den suchenden und prüfenden Menschen Tuomar macht er erlebbar, der sich im Prozess des Lebens entwickelt. Stillstand widerspiegelt nicht das Leben, Leben ist Veränderung. Das veranschaulichen die Arbeiten von Karsten Richter.

In Tuomars Bildern finden wir das Reale und das Surreale, das Filigrane und Derbe, das Harmonische und Widersprüchliche, also die Suche nach der Harmonisierung von Gegensätzen, die das Leben bietet. Viele Künstler der klassischen Moderne haben diese Aufgabe verinnerlicht. Neue Bildwelten entstanden, um auf veränderte Sehgewohnheiten zu reagieren oder diese zu befördern in einer zunehmend technisierten Welt. Sehnsüchte, Fantasien und Besinnung auf traditionelle Werte als Grundlage normalen menschlichen Seins sind die Spannbreite der visuellen Äußerungen, ob im Gemälde, der Grafik, in der Fotografie oder im Film. Diese Epoche beeindruckt Tuomar besonders und gibt ihm zahlreiche Anknüpfungspunkte für sein bildnerisches Tun im Heute.

Das grundlegende bildnerische Rüstzeug für seine Arbeiten holte sich Tuomar bei seinen Künstlerfreunden Jens Hackel, Rolf Werstler und Falk Nützsche. Sie waren und sind in besonderem Maße durch ihr Wirken in Bischofswerda Ansporn für seine Arbeit, gaben und geben ihm Hinweise und manche handwerkliche Erfahrung weiter. Gegenwärtig erkundet Tuomar das Zusammenspiel von Farbe und Landschaft in Motiven, die er in Schottland skizziert hat. Diese werden nun durch Farbe in Räume und Stimmungen umgesetzt, die seinem Schottlanderlebnis entsprechen. Die Farbpalette umfasst erdige Töne, sieht Buntheit bzw. grelle Farben nur selten bis gar nicht vor. Er setzt Mischtöne zur Darstellung landschaftlicher Weite oder Tiefe ein. Die Linie spielt dennoch in seinen jetzigen Arbeiten eine wesentliche Rolle, sie gibt den Bildern die Grundstruktur, die Linearkomposition verleiht Lebendigkeit für das Zusammenspiel der Formen. Der Pinselstrich lässt ebenso die Linienstruktur des Farbauftrages erleben. Pastos werden die Farbflächen angelegt, Lasieren oder Glätten entspräche nicht der urwüchsigen, rauen Landschaft. Diese Phase des Suchens nach handwerklicher Solidität ist eine Zwischenstufe für Tuomar, er ist noch Suchender. Seine schöpferische Unzufriedenheit treibt ihn. Im Prozess des Lebens fordert die jeweils aktuelle Situation immer neue Gestaltungsentscheidungen. Deshalb ist für Karsten Richter die handwerkliche Sicherheit, das Können wichtig, um die geeigneten Mittel jederzeit parat zu haben.

Tuomar ist kein Mensch, der still im Atelier verharrt, um mit belanglosen Form- und Farbspielereien ein Publikum zu bedienen, das die Räume mit Bildern nur schmücken oder dekorieren will. In seinen Arbeiten geht es ihm um die Auseinandersetzung mit Erlebtem, es geht um Aussagen. Der Prozess des Künstlers ist geprägt von sensibler Wahrnehmung mit allen Sinnen und der Verarbeitung dessen im Kopf, was ihn berührt. Im Prozess der Umsetzung des Erlebten, des Gestaltens zeigt er uns den sicheren Umgang mit der Linie. In den Architekturzeichnungen wird ein sparsamer Einsatz von Konturen in der Art des Aufschreibens oder Notierens von Häusergruppen sichtbar. Seine figürlichen Zeichnungen, die eher surreal sind und teils von expressivem Einfluss geprägt, lassen das Suchende und Spielerisch-Fantastische erkennen. Tuomar ist dann vollkommen in den Prozess des Gestaltens eingetaucht und kann sich über längere Zeiträume immer wieder mit der Arbeit beschäftigen. Mitunter sind es nur Kleinigkeiten, die er hinzufügt oder ändert. Das zeigt auch die tiefe Verbundenheit mit seinen Bildern. Das ist kein Zeichen von Oberflächlichkeit, sondern Ausdruck von Verantwortung und Ernsthaftigkeit. Tuomar ist froh, dass er derzeit in der Lage ist, an den Arbeiten dranbleiben zu können. Dazu ist sein Atelier in Bischofswerda als fester Punkt in seinem Wirken sehr wichtig. So wird er die Kunstlandschaft in dieser Stadt und dem Umkreis künftig mit prägen. Es bleibt zu hoffen, dass ihm die nötige Anerkennung und Beachtung zukommt. In Zeiten der wirtschaftlichen und kommerziellen Interessen sind eher der Spaß, die lustige und kurzweilige Unterhaltung gewünscht. Jedoch gibt es auch noch Kunstverständige, die das ehrliche und handwerklich solide Malen und Zeichnen achten und schätzen. Für diese wird die Ausstellung von Tuomar eine Bereicherung sein.

Andreas Frister (Eröffnungstext zum Katalog zur Ausstellung „Perspektiven“ im Januar 2012 in der Carl-Lohse-Galerie Bischofswerda)